Geschichten aus der Geschichte

Mit der „modernen“ Seilbahn rauf zum Etablissement „Schöne Aussicht“ in Bayerisch Gmain. Bild Stadtarchiv Bad Reichenhall

Der eitle Herr Hofrat

Friedrich von Hessing lässt in Bad Reichenhall und Bayerisch Gmain noble Kuranstalten errichten. Eine Drahtseil-Schienenbahn stellt die Verbindung dar. Der Kaisergemahlin Auguste Victoria wird’s gefallen haben.

Friedrich Hessing kam durch seine orthopädische Kunstfertigkeit und seinen schwäbisch-fränkischen Geschäftssinn zu Reichtum. Rustikal war seine Firmenphilosophie. Besonders misstraute er den Bankiers. Recht despektierlich nannte er sie „Halsabschneider“. Sein Vermögen legte er in der inflationssicheren „Schwabenwährung“ an. Hiervon profitierten auch Bad Reichenhall und das benachbarte Bayerisch Gmain. Schlaumeier Hessing erwarb dort wertvolle Liegenschaften. Zwei „Kuretablissements“ entstanden. Klar, die meist in seiner Gögginger orthopädischen Anstalt behandelten feinen Gästen mussten – so nannte man es – „rekonvalesziert“ werden. So entsteht ab 1875 die Kuranstalt „Friedrichshöhe“. Eitel war er also schon, der gute Friedrich. Sein „Hofarchitekt“ Jean Keller errichtete dort die herrlich über Bad Reichenhall platzierte Anlage, die heute das Kurhotel „Alpina“ beherbergt und wo die ausgestellten Keller’schen Baupläne an alte Zeiten erinnern. Prominentester Kurgast war übrigens Kaisergemahlin Auguste Victoria.

Doch dem umtriebigen Orthopäden genügte dies alles nicht. Ab 1895 lässt er das „Höhen-, Kur- und Heiletablissement“ „Zur Schönen Aussicht“ – in Bayerisch Gmain und gleichsam „schwebend“ über Bad Reichenhall gelegen – errichten. Wiederum durch Jean Keller. Mit Türmchen und allerlei Beiwerk versehen, wirkte es märchen- und ein wenig zuckerbäckerhaft. Und dann lässt es der Königliche Hofrat richtig krachen: Gleich 85 000 Goldmark – immerhin die Hälfte der Kosten für das Etablissement „Zur Schönen Aussicht“ – war ihm eine 267 Meter lange Drahtseil-Schienenbahn wert. Natürlich mit dem gerade à la mode gewordenen „elektrophysikalischen“ Antrieb. Er schuf damit 1909 eine elegante Verbindung zwischen den beiden First-Class-Destinationen. Bis dahin mussten sich die hohen Herrschaften auf dem heute noch vorhandenen „Hessingsteig“ hinauf durch brave Esel bedienen lassen. Der Kaisergemahlin wird’s gefallen haben.

Übrig geblieben sind von Hessings visionärem Engagement neben der baulich veränderten „Friedrichshöhe“ nur mehr ein paar klägliche Mauerreste der Bergbahn. Aus der verschwundenen „Zur Schönen Aussicht“ wurde ein Erholungsheim für Feuerwehrangehörige. Die gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg führten auch zum Ende der meist von Adel und gehobenem Bürgertum getragenen Welt der „Kuretablissements“. Als Hessing am 16. März 1918 verstarb, berichteten die großen Zeitungen vom Ableben eines „Wohltäters der Menschheit“ und des „Ersten Orthopädiemechanikers der Welt“. Ziemlich viel für einen, der als Schreiner und Orgelbauer „nur“ die Universität des Lebens absolvierte.